|
description - please check in :: anonym or as a new user
you are entering a digital community called [ nic-las ] -: please, feel welcome to comment + add your view-points [ add comment ] _ how do we shift conversations into the future present?
preis-massaker _ auf der suche nach dem unmöglichen tausch
erschien im gdi_impuls 02.2004
die politische altvorderen-botschaft «macht kaputt, was euch kaputt macht» hat eine denkwürdige verwandlung erfahren: heute sagt man dem preis den kampf an. die gesellschaftlich immer selbstverständlicher beglaubigte «kill mit billig»-botschaft findet ihre erfolgreiche variation nicht zufällig in populären kino-filmen. auch hier vermittelt sie, wie man mit unmöglichen austauschbeziehungen umgeht: nämlich letal. verfolgen sie mit uns die verdrängten seiten der billigkultur.
früher war der preis heiss und die für uns aufgestellten konsumwelten sexuell aufgeladen; gegenwärtig verwandelt sich unsere liebste freizeitbeschäftigung zum preis-massaker. der bis anhin schwelende preiskampf wird immer handfester und körperlicher – und führt uns zur selbstzerfleischung. stellen nicht gerade von werbung und pop-culture angeführte ganze wertschöpfungsketten von der sex-appeal-produktion auf «cheap & simple» um? wird nicht alles plötzlich besser weil billiger? werden geiz und geile gier nicht zu salonfähigen megatrends aufgebaut und die notwendig andere seite dieser bewegung ignoriert? ist nicht ein archaisches begehren nach selbstzerstörung der preis, wenn der billigkonsum als aggressions-blitzableiter funktionieren soll? ist aggression nicht das entscheidende element, das unsere gesellschaftssysteme ausblenden müssen, um sich noch kontrollieren zu können? werden nicht konfrontation und widerstand nur noch in konsumierbaren formen auslebbar und darin bedeutungslos? lernen wir nicht, unsere sehnsüchte und wünsche auf ihre konsumierbarkeit hin zu optimieren? kehrt nicht wieder, was unterdrückt werden muss, um am gesellschaftsspiel teilzunehmen? richtet dieses verdrängte sich nicht gegen das symbol aller austauschprozesse: den preis – und damit gegen uns? sind wir nicht längst damit vertraut, uns immer wieder selbst als preis einzusetzen? wenn sie diesen fragend vorgetragenen behauptungen misstrauen, sollten sie mal wieder ins kino gehen.
lost in translation – erscheint in der kino-jahreshitparade 2003 der new yorker hippster-site www.villagevoice.com auf platz eins. keiner kann mehr schlafen in sofia coppolas gleichnamigen film. im oberen stockwerk des globalen kapitalismus geht und lebt man gepflegt aneinander vorbei. wer nicht in geschäftigkeit versinkt, erlebt sich wie die hauptdarsteller verloren und geparkt im endlos wiederkehrenden warenverkehr tokios. plötzlich missglückte tauschgeschäfte. fehlfunktionen und übersetzungsfehler auf allen ebenen erzeugen eine indifferente langeweile. diese führt zu nichts und verändert alles. für erfolgsverwöhnte teilnehmer des wirtschaftssystems wird die langeweile zum bedrohlichen symptom zusammenbrechender austauschprozesse – wo nichts getauscht wird, bewegt sich auch nichts.
wer sich nicht dieser langeweile hingeben will, findet in david finchers «fight club» eine antwort aus dem letzten jahrhundert: weg mit selbstdisziplinierung und gruppentherapie gegen die schlaflosigkeit: um verdrängtes produktiv werden zu lassen. fight club beschreibt die geschichte einer community, in der sich frustrierte männer ihr selbstbewusstsein gegenseitig wieder einprügeln. der film zum thema macht hätte, wenn ich nicht bei diesem flugzeugabsturz ums leben gekommen wäre>. am ende lässt fight-club-boss brad pitt mit selber gebasteltem plastiksprengstoff die skyline einer beliebigen amerikanischen grosstadt explodieren, dazu spielen die pixies und für einen augenblick erscheint ein erigierter penis zwischen die einstürzenden neubauten geschnitten. selbstzerstörung, terrorismus und pornographie: das kann heute nicht mehr die lösung sein.
preis-massaker – lautet die neujahrsbotschaft eines media-markt-plakats in der süddeutschen provinz. links auf blutrotem grund das logo des discounters, der eben vor den toren zürichs in die erste wirklich grosszügig-leergeräumte american-style shopping-mall der schweiz eingezogen ist. rechts auf dem unübersehbaren werbeträger zerspringt, getroffen wie in einem ego-shooter-game, der kopf eines mitkämpfers um die billigstware. nebenan im glatt-einkaufszentrum öffnet der spanische modegigant zara seine pforten, und jeder der gehen kann, tobt sich im schlussverkauf aus. war in den neunzigerjahren beim kaltblütig-konsumgierigen banker patrick bateman (der held aus «american psycho») die gier nach designermode noch ein privileg der superreichen, sorgt nun high-fashion-kloner zara für eine demokratisierung dieses konsumvergnügens: hier darf jeder ohne rücksicht auf verluste zuschlagen. die demokratisierung des konsums hat die gier von einer todsünde zur gesellschaftlich anerkannten lebensbewältigungsstrategie geadelt.
für den beobachter mit blick auf die verwaisten umliegenden kleidergeschäfte gibt es eine gratislektion, wie sich das preisgemetzel in den industrien des im konsum vereinigten europa ausnimmt. selbst die schweiz ist für einmal teil einer einheit, die den konsum demokratisiert, weil sie begriffen hat, dass demokratisch geführte politische wertschöpfungsprozesse den konsumwelten nichts attraktives entgegen halten können. skandierten die sich nicht integrierenden jungen wilden einst «macht kaputt, was euch kaputt macht», so sagen uns die brandingexperten heute preiskrieg-massaker an. eine teilnahme versteht sich von selbst und so lautet die aktualisierte parole der altvorderen zynisch übersetzt: «konsumiert bis ihr kaputt geht.»
killer-preise – müssen qua konsum zerstört werden, damit konsum als abführmittel für unterdrückte aggression funktionieren kann. der konsum wird damit zum kanal, über den auf der symbolischen ebene des tausches wieder einführt wird, was aus unserer realität verdrängt wurde, um ebendiesen tausch zu ermöglichen: aggression, blut, brutalität und tod. wann haben sie das letzte mal ein huhn geschlachtet oder auf eine beleidigung zurückgeschlagen? was früher selbstverständlich zum überleben geboten war, soll uns heute emotional über die gewaltig-gewaltvollen bilder der werbewelt ansprechen. die verführungsmetaphorik wechselte von sexualität und genuss auf todestrieb und auslöschung. die frage erscheint, was unter diesen «kill mit billig»-bedingungen der ausweg sein wird; ein ausweg, so alain badiou, «von dem man wohl weiss, dass er bejahende erfindung ist oder dass er gar nichts ist.»
massenpanik bei winterschlussverkauf – titelt die «neue zürcher zeitung» anfang januar 2004 und berichtet vom slogan, mit dem media-markt in polen für den sonderverkauf warb: «das sollte verboten sein». der spruch hat sich in lodz auf dramatische weise bewahrheitet. ein gross angekündigter mitternachtsverkauf in zwei niederlassungen führte schon wenige minuten nach öffnung der ladentüren zu einer massenpanik. tausende von kaufwütigen traten einander gegenseitig nieder, weil sie möglichst als erste ins ladeninnere gelangen wollten. dutzende von kunden fielen dabei in ohnmacht, viele wurden an armen und beinen verletzt. die polnische zeitung «dziennik lodzki» berichtet von menschen, die mit schnittwunden und prellungen ins spital eingeliefert wurden, und einer rentnerin habe man mehrere zähne ausgeschlagen. am schwersten verletzt wurde ein kind. viele kinder gingen in der einkaufspanik verloren, heillos überforderte ladenangestellte suchten deren eltern im gewühl per megaphon. um herr der lage zu werden, benötigte die polizei 150 beamte. doch weder die völlige zerstörung eines kundeninformationsschalters noch diebstähle und plündereien konnte die polizei verhindern. wer sich bis ins ladeninnere vorgekämpft hatte, musste dann mit seinen einkäufen stundenlang vor der kasse anstehen.
auf der suche nach dem unmöglichen tausch – der «kill mit billig»-kapitalismus funktioniert nach dem das-kann-doch-nicht-wahr-sein-prinzip. konsumwütige massen rotten sich auf der suche nach hammerangeboten zusammen und testen immer unglaublichere konsumpotenziale aus. gratisflug. one-dollar-car. eine woche türkei-all-inclusive für 200€. doch dabei wird ihr das-kann-doch-nicht-wahr-sein-mantra aber beständig enttäuscht: denn der «kill mit billig»-deal gelingt praktisch immer. er fokussiert unsere aufmerksamkeit und bindet unser kapital. hauptsache wir sind beschäftigt und im «flow». dabei geht es eigentlich gar nicht darum, den fokus auf neue konsumpotenziale zu richten, sondern davon abzulenken, dass man genau dafür arbeitet. mit den bekannten sozialen folgen: man verpasst sich und andere. auf einer zweiten ebene verdeckt dieser flow, was sich in jedem tausch gleich bleibt: die bedeutung des preises. bei ebay lassen sich vom nervenkitzel bis zum nächsten zuschlag allein in deutschland fünfzehn millionen menschen fesseln – jedes fünfte paket vor weihnachten zirkuliert dank der internet-tauschplattform. wir sprechen bereits mit der imaginären media-markt-figur «urs» über gratis-kreuzfahrten und die mikrowelle für 39 euro. diese zirkulation funktioniert scheinbar grenzenlos. allein unser begehren nach einer unterbrechung des tauschkreislaufes bleibt unbefriedigt: denn ein solcher austausch ist wirklich unmöglich geworden.
gleichgültigkeit – global-liberaler kapitalismus hat konzept. glaubt man michael hardts und antonio negris sozialphilosophischen beschreibungen in ihrem bestseller «empire», dann funktioniert unsere welt deshalb so reibungslos, weil wir uns in allen lebensbereichen daran gewöhnt haben, dass alles und jeder austauschbar geworden sind. jede form von beziehung beruht auf einem geschäft und könnte auch anders gestaltet werden. den preis dafür zahlen wir selber, indem wir uns als austauschbare einheiten positionieren. alles ist verhandelbar und dadurch auch mit allem anderen verbunden. jede erfolgswährung kann auch laufend in eine andere ersetzt werden. gehandelt wird in vertrauen, glaubwürdigkeit, geld, aufmerksamkeit, hingabe, liebe, schuld.
der sozial-analytiker slavoj zizek beschreibt uns als individuen und elemente in gesellschaften, die noch nie so multi-optional und eben darin gleichzeitig so hyper-kontrolliert waren. selbstverständlich können heute alle sexuellen neigungen tabulos in den alltag integriert werden – um den preis, dass ein durchschnitts-schwuler, um in seine community an der new yorker christopher street zu passen, täglich ein paar stunden body-building, styling und fashion-uplifting durchmachen muss. natürlich kann man auch als unauffälliger banklehrling in der schweiz leben. aber wie viel muss selbst dabei unterdrückt und hingenommen werden, damit man seinen 3er-bmw leasen und ralph-lauren-kleider kaufen kann, um sich so darzustellen, wie man glaubt, dass man werden muss?
unsere welt bewegt sich in einem strom von austauschbeziehungen. der in «empire» beschriebene mechanismus sichert deren reibungslosigkeit, indem er indifferenz und gleichgültigkeit produziert. jede aufscheinende differenz wird sofort wieder in eine mögliche austauschbeziehung verwandelt, alles ist gleich viel wert und wird gleich behandelt. kernkompetenz dieses mechanismus ist die konfliktkompetenz; oder genauer: die fähigkeit konflikte unsichtbar zu machen. dies geschieht, indem die konflikte aus der indifferenz reibungsloser austauschbeziehungen zurück in die daran beteiligten menschen geschrieben wird und von diesen verdrängt werden muss.
die einflussreichen filme «kill bill» von quentin tarantino, lars von triers «dogville» und stephen frears «pretty little things» überdrehen diese dynamik und konfrontieren uns mit bildern, die zeigen, welches aggressionspotenzial wir ausblenden, um diese verdrängungsmechanismen aufrecht zu erhalten.
radikalisierung – lars von triers mehrfach ausgezeichneter film beschreibt ein gesellschaftssystem, das solche schrittweise sich verschärfenden austauschbeziehungen durchlebt. «dogville» kann auch als heutige geschichte des jesus von nazareth gelesen werden. nicole kidmann spielt als grace den gottessohn, der auf der flucht und heimatlos ist. ihre aufopferungsvollen versuche, sich in die gemeinschaft eines kleinen dorfes am rande der rocky mountains zu integrieren, scheitern an der zunehmenden gier ihrer nachbarn. ihre apostel verraten und vergewaltigen sie einer nach dem anderen. zum schluss mag die erduldete symbolische kreuzigung nicht mehr enden. grace verweigert ihren peinigern die versöhnung und besch(l)iesst das in dogville angelegt szenario einer sich zuspitzenden indifferenz für die situation des andern – mit einem massaker.
dogville erzählt, wie es sich anfühlen muss, wenn der preis, zur gemeinschaft zu gehören immer höher wird. das ideologische fundament dieser zuspitzung könnte von pop-economy-idolen wie lester thurow stammen. dieser beschreibt in «xxx/engl» die unvermeidbare fortschrittskraft: es ist unser schicksal, uns in eine immer härter werdende globalen wirtschaftsordnung zu ergeben. angetrieben von «explorern», menschen, die weder wissen, wohin sie gehen, noch wie sie dahin kommen, aber sicher sind, auf diesem weg das ökonomische maximum herauszuholen. diese indifferenz erzeugende formel beruht darauf, dass alles gegenstand von tauschbeziehungen sein kann und gleichzeitig grenzen des ein- und auschlusses eingefordert und für unverrückbar erklärt werden. nach bedarf sind das territoriale («darf grace in unserem dorf bleiben?»), demokratische («darüber stimmen wir ab») oder ökonomische («du musst schon etwas dafür geben, dass wir dich bleiben lassen»). dieses paradox ist gleich gestrickt wie israels versuch der befriedung von palästina per ghettobildung und stacheldraht oder und microsofts «think local, act global»-versuche, das us-rechtssystem gegen softwarepiraten in china anzuwenden.
genau an solchen punkten versagt die in «empire» beschriebene konfliktlösungskompetenz. unverhandelbare grenzsetzungen lassen die konflikte sichtbar werden. die aggressionen können nicht mehr im tauschprozess entsorgt werden, sondern entladen sich als reale gewalt. lars von trier zeigt uns die denkbilder von dieser, von der pop-economy beschworenen, kommenden zeit.
dass ein phantom wie praktizierte nächstenliebe auch im london der gegenwart kein ausweg mehr ist, zeigt stephen frears «dirty pretty things». dort lautet der intergrations-deal für die ausgegrenzten der gesellschaft: niere gegen eu-pass. praktisch alle werktätigen im film gehören dieser gruppe an. der einzige europäer im film ist – sie haben es erraten – organhändler. die männliche hauptfigur senay, ein nigerianischer arzt, kaut kräuter, um sich wach zu halten. seine schlaflosigkeit nutz er, um sich tagsüber als taxifahrer und nachts als hotelportier zu beschäftigen. die verbleibende zeit vergeht mit sozialem engagement, das keine gesellschaftliche anerkennung zeitigt – zum schluss muss senay, soviel sei verraten in vollbesitz seiner niere, england verlassen, um sein glück anderswo zu versuchen.
einen tauschhandel als weg zurück in die gemeinschaft, gibt es in quentin tarrantinos «kill bill» nicht einmal mehr als illusion. überleben wird – ästhetisch und musikalisch auf der höhe der zeit – zum rachefeldzug einer geschändeten. die heldin erwacht nach vier jahren aus dem koma und rächt sich an allen, die sie dorthin gebracht haben. diese geschichte scheitert wie der ganze film, aber jede einzelne einstellung ist so hinreissend choreographiert, dass die zuschauer dem bann der gewalt-pornographie verbunden bleiben. «kill bill» macht ebenso wie superstar- oder prominente-im-dschungel-tv einerseits überhaupt keinen sinn – diese formate sind nicht in der lage, eine orientierung zu geben –, aber jedes element ist in ein so hinreissendes make-up getaucht, dass man endlos weiterschaut bis alle erledigt sind.
massenkonformer gewaltkonsum: alle dürfen per sms mitabwählen, andere zu verlierer machen, um sich nicht selbst als solche wahrnehmen zu müssen. und der voyeur durchlebt in seinen allmachtsfantasien; was unter globalen austauschbedingungen unterdrückt wird: in «kill bill» rollt am konferenztisch schon mal ein kopf von den schultern eines ungehörigen managers. wir sehen die zeitgemässe inszenierung eines symbolischen karnevals, bei dem für zwei kinostunden alles auf den tisch kommt, was sonst darunter bleibt. gewaltkonsum als aggression-blitzableiter.
die «kill mit billig»-botschaft ist ebenso einfach wie wertvoll: sie schenkt uns auf den unterschiedlichsten ebenen eindrückliche bilder davon, wie es sich anfühlt, wenn es genug ist. im heutigen mainstream-kino lässt sich schrittweise («dogville»), auf fein-gewobenem erzähltuch («dirty pretty things») und jugendkultur-konform («kill bill») ablesen, wie sich indifferent-begrenzte austauschbeziehungen auswirken: nämlich tödlich.
happy end – die suche einem vielleicht glücklicheren ausgang wird ebenfalls im kino fündig: im dritten teil von peter jacksons «lord of the rings». auch dort gewalt im übermass; diese findet aber ein ende, als es dem kommenden könig gelingt, das heer der toten hinter sich zu vereinen – massen von unehrenhaft im schlachtfeld gefallenen. diese meute von einst ausgeschlossenen verlierern zerpflügt in fünf minuten das heer der scheinbar unbesiegbaren tötungsmaschinen aus dem reich der finsternis. wer könnte in unserer gleichgültig-globalisierten gesellschaft diese befriedende armee bilden? das werden dann ihre kunden. und hinter welchem könig würden diese zusammenfinden, um die gute sache zum guten ende zu bringen? das wird ihr produkt. welche gute sache? das ist ihre sache.
referenzen
alain badiou, ethik, turia & kant, 1993/2003
michael hardt & antonio negri, empire, harvard university press 2000.
slavoj zizek, die puppe und der zwerg, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2003.
oma-amo / rem koolhaas, content (2004), taschen deutschland.
alain badiou, kleines handbuch zur in-ästhetik (2001), turia & kant.... |