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zettels geschichte markus krajewski erforscht die entstehung des karteikastens
holm friebe
leonard shelby, der held aus dem aktuellen kinofilm "memento", hat sein langzeitgedächtnis verloren. um den mord an seiner frau zu rächen, muss er sich mit einem improvisierten system aus notizen und querverweisen behelfen - und hat sich am ende total verzettelt. um dieses verzetteln in der kulturgeschichte geht es auch dem berliner kulturwissenschaftler markus krajewski, der am donnerstag in julietts literatursalon in berlin-mitte seine arbeit vorstellte.
seit der frühen neuzeit haben menschen versucht, dem "information overkill" entgegenzuarbeiten und der vergesslichkeit mit hilfe von katalogen und zettelkästen herr zu werden. "man kann sich ja nicht an alles erinnern" sagte etwa - ganz im sinne shelbys - der soziologe niklas luhmann, dessen zettelkastensystem in die wissenschaftsgeschichte einging. krajewski, schüler friedrich kittlers und wissenschaftlicher mitarbeiter am helmholtz-forschungszentrum für kulturtechnik, hat luhmanns zettelkasten für den computer umzusetzen versucht. das war ausgangspunkt für eine programmiererische bastelarbeit, die sich inzwischen jeder internet- und datenbankbenutzer als shareware-version von krajewskis homepage www.verzetteln.de herunterladen kann.
mit seinem buch "zettelwirtschaft", das er am donnerstag vorstelllte, liefert krajewski nun gewissermassen den kulturgeschichtlichen unterbau für das projekt "hypertextueller zettelkasten". "die geburt der kartei aus dem geiste der bibliothek" ist der untertitel des bandes. krajewski spannt den bogen vom ersten klassifikationssystem in baumform, das der schweizer mediziner und polyhistor konrad gessner 1540 entwarf, bis zu dem, was heute "information architecture" heißt. es ist eine geschichte, die von zufällen durchkreuzt und von weitgehend unbekannten befördert wurde. die geburt der kartei aus dem geiste der faulheit, könnte eine behelfsmäßige zusammenfassung lauten: krajewski führt das beispiel des lärmempfindlichen harvard-bibliothekars william crosswell an, der um das jahr 1812 die aufgabe erhält, den bibliotheksbestand systematisch in den dafür vorgesehenen bücherkatalogen zu erfassen.
amerikanische büroreform
jahrelang tut der hochsensible hypochonder, wie aus seinen tagebucheinträgen hervorgeht, buchstäblich nichts. als die bibliotheksleitung schließlich resultate fordert, weiß crosswell in seiner not sich nicht anders zu helfen, als die bögen mit seinen spärlichen unsysematischen aufzeichnungen zu zerschneiden - und erfindet so den modernen bibliothekskatalog auf karteikartenbasis.
auch die ausbreitung des karteikartensystems in die wirtschaft geht auf einen solchen amateurhaften geniestreich zurück: im jahre 1888 ist e.w. sherman buchhalterin einer schlecht laufenden firma, die karteikästen für öffentliche bibliotheken herstellt. gegen den widerstand ihres chefs besteht sie darauf, die im haus produzierten karteikästen auch in der buchhaltung einzusetzen, die bis dahin mühsam in gebundenen büchern zu erfolgen hatte. so trugen dank frau sherman die karteikästen zu einer einer enormen effizienzsteigerung bei; als "amerikanische büroreform" gelangte das system dann nach europa.
anhand solcher geschichten gelingt es krajewski, mit der geschichte der karteikästen auch ein stück technik- und wirtschaftsgeschichte zu erzählen, wie es thomas pynchon nicht viel besser gekonnt hätte. ob leonard shelby, dem helden aus "memento", hingegen mit einem ausgefuchsten karteikarten- oder darauf basierenden datenbanksystem besser geholfen gewesen wäre, steht auf einem ganz anderen zettel.
markus krajewski: zettelwirtschaft. die geburt der kartei aus dem geiste der bibliothek., kadmos verlag, berlin 2002. 272 s., 17,50 euro. ...
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